Noch steht es, dieses seltsame Gebilde aus Balken und Brettern. Leicht windschief, sicher latent einsturzgefährdet und schwer sanierungsbedürftig. Längst von Erbauern und Bewohnern verlassen, bedeckt von Schnee – nur wenige Fußspuren finden sich darum, ein Indiz dafür, dass die Konstruktion sich mittlerweile in das Erscheinungsbild der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg integriert wurde. Die Erziehbar ist da – sie ist aber auch nicht da. Sie bietet dem Betrachter mit ihrer scheinbar zufälligen Konstruktion einen harten Kontrast zur Architektur des Campus, steht im Spannungsfeld von Stahlbeton und Freifläche.
Doch die Erziehbar war von Beginn an mehr. Sie formuliert auf ganz eigene Weise und sehr persönlich einen leisen Protest. Eine Anklage gegen das nicht-gehört-werden, gegen das nicht-vereinnahmt-werden-wollen und ein widerständiges Moment gegen eine Subjektivierungsform der ausdruckslos-modularen Konformität im Hochschulbetrieb.
Raum im Raum. Dieses Element der Wiederinbesitznahme vernachlässigter Flächen im Öffentlichen, ist der Kerngedanke der Baukunst-Aktion. Räume schaffen, wo es keine gibt. Räume für zufällige Begegnungen abseits von Seminar und Mensa sind selten an unserer Hochschule. Wen mag es verwundern, entspricht dies scheinbar auch nicht dem Wesenszweck einer zur Ausbildungsstätte für Lehrkörper mutierten höheren Lernanstalt. Die Erziehbar ist Ausdruck der Leere zwischen Lehre und lernen. Aber auch ein Ort der kulturellen Bildung, pädagogisches Praxis- und Erprobungsfeld. Eine Möglichkeit, sich ganz unvermittelt zu Treffen.
Warum steht die Erziehbar noch? Ohne weiter auf praktische Fragen des Rückbaus und der Verantwortlichkeit einzugehen, mit einem Wort: es ist die Ästhetik des Willkürlichen. Es ist dieser Hauch von Anarchie, der das Gebilde umgibt und es huldigt. Und der Ruf nach dieser herrlichen Vereinigung von Element, Form und Organik, der aus gutem, altem Holz Ausdruck einer Protestkultur macht. Noch liegt Schnee. Doch das Frühjahr wird kommen.